[The English Version you find below this German text]

Die letzte Überschneidung von Fastenzeit und Ramadan gab es vor hundert Jahren. Damals war der inter-religiöse Dialog noch kein Thema. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) bekennt sich die Kirche zu einer Haltung den anderen Weltreligionen gegenüber, die verstärkt das Verbindende sucht, anstatt das Trennende zu betonen. Erfahrbar ist das heuer, da die christliche Fastenzeit und der muslimische Ramadan zeitgleich stattgefunden haben. Der Ramadan hat am 19. März geendet, die christliche Fastenzeit erfährt mit der Karwoche jetzt ihren Höhepunkt.

Drei Fastenthemen wollen wir kurz betrachten, die auch in den u.a. öffentlich-rechtlichen Medien vielfältig zur Sprache kamen und weiterhin kommen werden: Verzicht, Versöhnung und Vorbild. Medial stark vertreten sind die Projekte Handyfasten an verschiedenen Schulen. Wenig überraschend haben auch die Jugendlichen selbst die positiven Auswirkungen des (teilweisen) Verzichts auf Smartphone und Soziale Medien erfahren. Gefordert sind freilich auch die Erwachsenen, vornehmlich die Eltern, als Vorbilder für die Jugendlichen. Mehr Handyfasten der Eltern erlaubt mehr vergnügliches Miteinander mit den Kindern in der familiären Raumzeit. Gelebtes elterliches Vorbild lässt leichter auf verführerische Einflüsterer (Influencer) verzichten!

Vorbildhafte Gedanken zum Fasten des muslimischen Studenten Adis Šerifovic sind noch bis August als ö1 Podcast unter ORF SOUND nachhörbar. Dafür gebührt ihm Dank, vor allem aus der Perspektive der Schöpfungsverantwortung. Als verantwortlich in der Schöpfung lebend, erfährt sich das Geschöpf Mensch „an etwas Größeres“ gebunden und erfährt dabei eine größere Freiheit in der Gestaltung eines sinnerfüllenden Lebens. Sowohl Christentum als auch Islam bekennen sich zu einem solchen Schöpfer.

Eine weitere Frucht des Fastens als Übung des Verzichtens ist die Versöhnung mit dem Schöpfer und der Schöpfung, vor allem mit den Mitmenschen. Verzicht auf den eigenen Blickwinkel, aus dem heraus wir andere Menschen oft störend empfinden. Als Übung, auch über die Fastenzeit hinaus, den Blickwinkel der Engherzigkeit verlassen und den der Ewigkeit einnehmen: vom Horizont der Ewigkeit her können wir verstehen lernen, dass der/die andere da ist (existiert), weil Gott genauso liebevoll JA zu ihm/ihr sagt wie zu mir. Im Horizont des Ewigen ertönt der Ruf zur Versöhnung mit all den anderen, die ebenso von Gott geliebt sind wie ich selbst.

Eine praktische Folge einer bekehrten Sichtweise ist der Verzicht auf Vergeltung und das Bemühen um Versöhnung. Als Vorbild dafür können wir uns die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba nehmen, die in ihrer Heimat zur Persona non grata erklärt wurde, weil sie gegen die Gewalt der Apartheid sang. Sie hat aber nie zur Vergeltung aufgerufen; ihre Kunst war ein Ruf nach Gerechtigkeit und Versöhnung, wie Stefania Pitscheider Soraperra, Direktorin des Frauenmuseum Hittisau im Bregenzerwald, über Frauen in der Versöhnungsarbeit in den noch nachhörbaren ö1 Podcasts unter ORF SOUND erklärt.

Versöhnung thematisiert der am 17. März, also vor hundert Jahren geborene Schriftsteller Siegfried Lenz (+2014) nicht nur in seinen Werken, sondern er hat auch an der praktischen und politischen Versöhnungsarbeit mitgewirkt. Religiöses Fasten als Übung der Umkehr, der Richtungsänderung im Leben, thematisiert Lenz in seinem Theatertext „Zeit der Schuldlosen“: Wir alle laden Schuld auf uns; damit sie uns aber verändert, zur Umkehr und zu notwendigen Änderungen in unserem Leben ermächtigen kann, müssen wir sie anerkennen (zugeben). Nur wenn wir sie zu unserer eigenen Schuld machen, kann sie uns verändern, so Siegfried Lenz. Und dann können wir unser Leben ändern! So die christliche Botschaft seit biblischen Zeiten und mit der Fastenzeit als besondere Einladung zur Richtungsänderung (Umkehr) hin zum Horizont des Ewigen, von dem die Gläubigen die vergebende Liebe Gottes in ihr Leben einlassen können.

Dass wir unseren Lebensstil ändern sollten, um der Erderwärmung entgegenzuwirken, hat Siegfried Lenz schon 1988 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels eindringlich eingemahnt.

Doch jetzt, Jahrzehnte später, beschwichtigt die Politik weiter, wir könnten die Klimaziele mit ein paar sanften Anpassungen erreichen. Wirkliches Verzichten auf verschwenderischen Konsum und immer mehr individuelle Mobilität wäre einem angeblich selbstbestimmten Leben nach immer mehr instinktgetriebenen Ansprüchen nicht angemessen und auch abträglich für einen – das sagen sie aber nicht: sinnentleerten – Wohlstand und umweltzerstörerisches Wirtschaftswachstum.

Aufblühen und die Fülle des Lebens erfahren kann das Selbst aber nur im Horizont des Ewigen, das mit unserer Zeitlichkeit über das Kreuz verbunden ist. Das große Vorbild dafür feiert die Christenheit am Karfreitag (Kreuzigung) und am Ostersonntag (Auferstehung) – neues, von Sinn, Friede, Freiheit und Liebe erfülltes Leben – Shalom!

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On Abstinence, Reconciliation and Role Model

The last time that there was an overlap of Lent and Ramadan was a hundred years ago. Inter-religious dialogue was not yet on the agenda of the church.  With the Second Vatican Council (1962-65), the church has assumed a more positive attitude toward other religions: seeking what connects rather than what separates. We can experience that this year as the Christian Lent and the Muslim Holy Month of Ramadan coincided. The Ramadan ended on March 19, the Lent reaches its culmination now in the Holy Week.

Here we want to reflect on three themes on fasting that were also reflected upon and will still be reflected upon in the public-law media in many diverse ways: abstinence, reconciliation, and role model. Much media space was and is given to the student of smartphone fasting projects in several schools. It comes with little surprise that even the students experience the positive effects of (at least partial) abstinence from smartphone and social media use. The call goes out to the adults, primarily the parents, to become role models for the youth. More smartphone fasting on the part of the parents will allow shared family time with the children. Lived parental role models make it easier for the children to abstain from being molded by those who enticingly insinuate, i.e. the digital influencers!

Commendable reflections on fasting by the Muslim student Adis Šerifovic can still be listened to – in German – as Podcast. For that our gratitude is due him, particularly from the perspective of a responsibility for creation. Living responsibly in the creation, the human creature experiences his/her being covenanted to “something greater” and by doing so can experience a greater freedom by living a meaningful life. Both Christianity and Islam confess such a creator.

Another fruit of fasting as exercise of abstinence is reconciliation with the creator and with creation, particularly with our fellow humans. To let go of one’s biased perspective that often considers other people as nuisances. A helpful exercise even beyond Lent is to let go of a mean-spirited perspective and to assume that of eternity: from the horizon of eternity we can learn to understand that the others are here because God says a loving YES to him/her as much as God does to me. From the horizon of eternity resounds the call for reconciliation with all the others who are loved by God as I am.

A practical consequence of a “converted” perspective is the abstinence from retaliation and making efforts toward reconciliation. A role model for such living is the South-African singer Miriam Makeba. In her home-country she is a persona non grata because she sang against the apartheid regime, Yet, never did she call retaliation or retribution; her artistic work was a call for justice and reconciliation as Stefanie Pitscheider Soraperra, the directress of the women’s museum in Hittisau in the Bregenzerwald explains in her Podcast (in German).

Reconciliation is a theme frequently worked out by the popular German author Siegfried Lenz, born on March 17 and died 2014. Reconciliation was also on the agenda of his practical and political engagements. In his theater script “Time of the Innocent” he writes about religious fasting as exercise of conversion, a change of direction of life: we all are burdened by guilt; that such will move us toward conversion and empower us to a change in/of life we have to admit out guilt. Only when we accept it as our own guilt, it can transform us, according to Siegfried Lenz. And then we can transform our lives! This is the message of Christianity since its biblical inception and with Lent as a special invitation to conversion, or a change of one’s direction toward the horizon of the Eternal from where the faithful can receive the forgiving love of God in their lives.

A change of our lifestyles in order to counteract the warming of the earth was an emphatic demand that Siegfried Lenz made as early as 1988 during the awarding ceremony of the Peace Prize of the German Bookselling Trade.

Now, decades later, politics continues to assuage the people by claiming that we can reach the climate goals by making a few soft adaptations. A real letting go of wasteful consumption, of more and more individual mobility would not fit a lifestyle that claims to be self-determined, yet driven by ever more instinctual demands; and it is also detrimental to a – but unmentioned: meaningless – prosperity and environmentally destructive economic growth.

To flourish and experience the fullness of life is something that the Self can only do within the horizon of the Eternal that is linked with our temporal existence by The Cross. Christianity celebrates this great role model on Good Friday (The Crucifixion) and on Easter Sunday (The Resurrection) – a new life filled with meaning, peace, freedom and love – Shalom!