oder: Schöpfungsverantwortung als gelebte Klugheit im Zeichen des Kreuzes

Vor hundert Jahren, am 4. September 1926, wurde in Wien der katholische Priester Ivan Illich geboren. Bekannt wurde er vor allem durch seine scharfsinnige Analyse der industrialisierten Moderne. Weniger bekannt ist, dass diese Kritik letztlich in seiner tiefen Religiosität wurzelte.

Moderne Technologie wird mächtiger, spezialisierter und schneller. Der Umgang mit diesen immer mächtigeren und zuletzt auch digitalen Technologien bringt tiefgreifende Veränderungen für unser Selbst- und Weltverständnis und für unser Leben insgesamt mit sich. Illich verwendet den für viele unbekannten Ausdruck Iatrogenese – unbeabsichtigte Schäden durch die Gesundheitsversorgung -, um auf ein weitreichendes Phänomen hinzuweisen:  Wenn technische und gesellschaftliche Systeme eine bestimmte Wachstumsschwelle überschreiten, verkehren sich ihre Zwecke in das Gegenteil dessen, wofür sie geschaffen wurden. Versprochen wird den Menschen durch vermehrtes Wirtschaftswachstum und innovative Technologien ein Leben in mehr Wohlstand. Die Fakten sprechen vielfach dagegen: Spaltungen in der Gesellschaft, soziale Ungerechtigkeiten, Umweltzerstörung und Erderwärmung. Die neuesten Entwicklungen im Bereich datenbasierter Systeme, vulgo KI, machen die digitalen Technologien zu Herrschaftsinstrumenten von einigen wenigen, aber umso mächtigeren Tech-Konzernen.

Das neue Weltverständnis der Industrie-Moderne lässt die Gewissheiten des traditionellen katholischen Glaubens als überholt erscheinen und die neuen Technologien formen immer wieder neue Gewohnheiten in den modernen Menschen. Mit stärkeren und effektiveren Geräten kann man mehr produzieren und verdienen. Dazu müssen auch immer wieder neue Fähigkeiten erworben werden. Neue Technologien und Geräte ändern aber auch das moralische Verhalten. Extrem deutlich zeigt sich das an den Smartphones und den digitalen Medien.

Besonders stark betroffen von den industriellen Technologien ist die Tugend der Klugheit bzw. Weisheit. Diese betrifft die Wahl der richtigen Mittel, um einen bestimmten Zweck zu erreichen und ist besonders dort notwendig, wo es keine bestimmten Vorgaben, keine genauen Regeln gibt. Klugheit baut auf Lebenserfahrung auf. Je mehr verschiedene Kompetenzen erworben werden und je länger man sie verwendet, umso mehr kann man in Umsicht und Besonnenheit (Klugheit und Weisheit) wachsen. Spezialisierung in industriellen Technologien und zunehmend digitale statt ausreichend realer persönlicher Kontakte lassen jedoch schwerlich kluge und weise Menschen heranreifen, die für Lebensgemeinschaften in der ökologisch und kulturell vielfältigen Schöpfung Gottes Fürsorge und Verantwortung übernehmen können.

Eine weitere Herausforderung der industriellen Moderne für die Praxis des christlichen Glaubens ist die systematische Eliminierung des körperlichen und seelischen Leidens. Der moderne technische Mensch ist unfähig und unwillig, sich mit dem leidenden Christus zu identifizieren. Die institutionalisierte medizinische Versorgung ist nicht zu verwechseln mit persönlich gelebtem Mit-Leid(en) und der christlichen Gastfreundschaft. Der tiefreligiöse Priester Ivan Illich zeigt auf, dass das moderne medizinische System eine andere Vorstellung vom menschlichen Leib hat als der christliche Glaube und die Praxis der Kirche in der Feier der Eucharistie. in deren Zentrum der gebrochene Leib und das vergossene Blut Christi steht. Jedes Kreuzzeichen, mit dem Gläubige sich – und damit ihren Körper – bei Gebet und Gottesdienst bezeichnen, ist ein Bekenntnis zur Schöpfung, die von Gottes Vorsehung (providentia) erhalten wird, eine Wirklichkeit mit ihren entsprechenden Begrenzungen und rechten Maßen. Als menschliche Entsprechung zur Vorsehung Gottes, erkennt und anerkennt die gelebte Klugheit (prudentia) diese Schöpfungsordnung.

In diesem Anliegen entsprechen sich der Heilige Franz von Assisi und Ivan Illich: in der Kultivierung der Lebendigkeit jedes Menschen als persönliches Beziehungswesen und berufen, gemeinschaftlich den Kult (Fest / Feier) des Lobes des Schöpfers ausüben. In der freudigen Anerkennung ihrer Geschöpflichkeit und im dankenden Ausdrücken des Lobes des Schöpfers erfahren die Menschen ihre höchste / tiefste Erfüllung – so bezeugt vom Heiligen Franz von Assisi in seinem Laudato Si‘, dem in der Erfahrung körperlichen Leidens komponierten Lobgesang der Geschöpfe an den Schöpfer; Ivan Illich bezeugt es mit seinem Ausspruch:

„Alles, was wir tun können, ist einander ein Quell für Klarheit und Güte zu sein und gemeinsam Spaghetti zu essen.“

Überlegungen dazu in einem zukünftigen Beitrag.

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or: Responsibility for Creation as Practical Prudence marked by the Cross

we hope to provide the English text soon; do come back :-)