Die Macht der Musik, Menschlichkeit und ein Miteinander zu fördern, war stark spürbar bei der Weiheliturgie des neuen Erzbischofs von Wien am 24. Jänner, sowohl vor Ort im und um den Stephansdom herum wie auch durch die mediale Vermittlung. Während tausende Menschen an dieser besonderen Feier teilnahmen, gedachten andere des 250. Geburtstages eines Mannes, in dessen Brust, ähnlich wie in der von EB Grünwidl, ebenfalls zwei Seelen wohnten, eine musikalische, und eine darüber hinaus multitalentiert künstlerische: E. T. A. Hoffmann (1776-1822). Das Leben des ursprünglich Ernst Theodor Wilhelm benannten Hoffmann ist die Geschichte von einem, der auszog, um ein bedeutender Komponist zu werden, und der ein berühmter Schriftsteller wurde. Sein ganzes Leben sah er sich in erster Linie als Komponist; Musik war für ihn die einzig wahre Kunst. Der Bedeutung der Musik in seinem Leben gab er durch die Änderung seines dritten Vornamens von Wilhelm zu Amadeus Ausdruck, die gleichzeitig auch seine Verehrung für den fast genau 20 Jahre älteren Mozart ausdrückte.

Abgesehen von der Musik und ähnlich wie andere Literaten seiner Zeit zeigte auch E. T. A. Hoffmann großes Interesse für die Naturwissenschaften und die dadurch inspirierte Mechanik. Die Wissenschaften damals wurden interdisziplinär betrieben. Dadurch spielte die Literatur eine wichtige Rolle im wissenschaftlichen Austausch.

Mit seiner Literatur eröffnete E. T. A. Hoffmann auch Wege in andere Welten, z.B. in die Welt des Wunderbaren, das jenseits der Wirklichkeit existiert, wie sie die Naturwissenschaften beschreiben. Seine poetische Darstellung der Wirklichkeit ermöglicht eine neue Erfahrung unserer Welt. Das erinnert an den Heiligen Franziskus, dessen Lobgesang der Schöpfung (Laudato Si‘) diese Welt als Wunderwerk des Schöpfers erfahrbar werden lässt und vermittelt uns auf diese poetisch inspirierende Weise eine Schöpfungsethik.

Auch eine Tierethik, obwohl noch nicht so genannt, findet sich bei E. T. A. Hoffmann, beispielsweise im Märchen Meister Floh. Zwischen Peregrinus, dem eher träumerischen Sohn eines reichen Kaufmanns in der Handelsmetropole, und einem Floh, für die meisten Menschen ein schädliches Insekt, entwickelt sich eine Freundschaft. Auf raffinierte Weise wertet der Autor mit dieser Geschichte die Kreatur auf, die meist verachtet und vernichtet wird, die dem Peregrinus aber Wege in neue und fantastische Welten eröffnet. Ähnlich dem Lobgesang der Schöpfung des Heiligen Franziskus auch hier eine poetisch vermittelte Absage an eine Geringschätzung jeglicher Geschöpfe.

Eine weitere andere Welt, eine dunkle und unheimliche, die in den Tiefen der menschlichen Psyche existiert, bringt E. T. A. Hoffmann literarisch meisterhaft zur Sprache, wie Sigmund Freud in seinem Aufsatz Das Unheimliche (1919) darlegt und als das Unbewusste bezeichnete. Inspiriert wurde Freud zu diesem Aufsatz durch die Erzählung Der Sandmann. Was darin geschildert wird, erinnert auch an unsere Gegenwart. Die Hauptfigur Nathanael wird immer wieder von traumatischen Kindheitserfahrungen eingeholt. In seinen Wahnvorstellungen schafft er sich eine eigene Wirklichkeit und wird zum Gefangenen seiner Selbsttäuschungen. Er verliebt sich unsterblich in die Automatenpuppe Olimpia, eine verbal unterentwickelte, sonst aber verführerische Kunstfigur, die ihn so verblendet, dass er das zwar nicht perfekte, dafür aber authentische Wesen der menschlichen Clara übersieht.

Dunkle Mächte erkennt E. T. A. Hoffmann nicht nur in der individuellen Psyche. Politisch kritisch reagiert er auf illiberale Gesellschaftsformen und diktatorische Regime. Klingt bekannt! Bekannt und leider auch wieder vermehrt salonfähig die Verstrickungen in fixe Ideen, Verschwörungstheorien, Verweigerungen gegenüber ernsthafen Diskursen, die durchaus rational-emotional geführt werden können, und nicht zuletzt die Verachtung anders denkender Menschen.

E. T. A. Hoffmann war gelernter und praktizierender Jurist und hat sich auch mit juristischen Fragen in Bezug auf die Möglichkeiten von Menschen beschäftigt, sich gegen den Einfluss außerrationaler Kräfte zu wehren oder eben nicht.

Wie auch immer Antworten darauf ausfallen würden und/oder sollten, motivierender für die Gestaltung einer schöpfungsgerechten und somit lebenswerten Zukunft ist die Erweckung der menschlichen Musikalität. Die Musik – „die einzig wahre Kunst“ –, so E. T. A. Hoffmann, macht die Realität durchlässig auf das Wunderbare, wenn man nur aufmerksam genug hinschaut oder vielmehr hinhört.

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The power of music to foster humanness and togetherness was strongly noticeable at the liturgy of the episcopal ordination of the new Archbishop of Vienna on the 24th of January both on site inside and around St. Stephen’s Cathedral as well as in its presentation by the media. While thousands participated in this notable celebration, others commemorated the 250th birthday of a man in whose breast two souls were alive similar to the new Archbishop Grünwidl, one musical, the other one multi-talentedly artistic: E. T. A. Hoffmann (1776-1822). The life of him who was originally named Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann is the story of one who set out with the desire for a career as a famous composer and who ended up becoming a renowned writer. His entire life he saw himself as a composer; music, for him, was the only true art. The significance of music in his life he expressed by changing his third first name from Wilhelm to Amadeus which at the same time was an acknowledgment of his admiration for the exactly 20 years more senior Mozart.

Apart from music and similar to other literati of his time, E. T. A. Hoffmann also showed great interest in the natural sciences and the mechanics inspired by them. The sciences at his time were conducted in an interdisciplinary manner. With that, literature played a significant role in the scientific exchange.

Through his literature, E. T. A. Hoffmann also opened avenues into other worlds, e.g. into the world of wonder that exists beyond the reality that the natural sciences describe. His poetic presentation of reality enabled a new experience of our world. That reminds us of St. Francis of Assisi whose Canticle of Creatures (Laudato Si‘) allows for an experience of our world as a work of wonder by the creator and in this poetically inspiring manner mediates a creation ethics.

With E. T. A. Hoffmann we also find an animal ethics, though not yet designated as such, for example in his fairy tale Meister Floh (Master Flea). Between Peregrinus, the dreamy son of a wealthy merchant in the commercial center Frankfurt and a flea develops a friendship, while for most people a flea is a vermin. With this story and in a subtle way, the author enhances the status of a creature that is generally disdained and destroyed yet opens up to Peregrinus avenues into new and wondrous worlds. Similar to the Canticle of Creatures of Saint Francis of Assisi, we have here a poetically mediated rebuff to disrespect any creature.

Another different world, a dark and sinister one, existing in the depths of the human psyche is being floated by E. T. A. Hoffmann in an literary expertly manner which Sigmund Freud in his treatise Das Unheimliche (1919) (The Uncanny) presents and designates as the unconscious. Freud derived the inspiration for his essay from the tale Der Sandmann (The Sandman). What is being described in it reminds one of our present times. Time and again, the central character Nathanael is being haunted by traumatic childhood experiences. In his delusions he creates his own reality and becomes a prisoner of his self-deception. He undyingly falls in love with the machine creature Olimpia, a verbally underdeveloped but otherwise seductive robot that so blinds him that he fails to recognize the not perfect but authentic character of the human Clara.

E. T. A. Hoffmann recognized sinister forces not only in the individual human psyche. He was politically critical of illiberal forms of society and dictatorial regimes. Sounds familiar! Sadly gaining ground and becoming increasingly socially acceptable are ensnarements in fixed ideas, conspiracy theories, refusing earnest discourses even as they are being conducted both rationally as well as emotionally, and finally the open disrespect of people who think differently.

By profession, E. T. A. Hoffmann was an accomplished and practicing jurist who also took up legal questions concerning the possibilities of people defending or not defending themselves against the influence of non-rational forces.

Whatever the answers to that may or should be, more motivating for engaging in bringing about a future that is more just and compatible with the intentions of the Creator is the arousal of the human musicality. Music – „the only true art“ -, according to E. T. A. Hoffmann makes the reality permeable for the marvellousness for those who are attentive enough to look and/or to listen to it.