Wie im vorigen Beitrag „Spirituelle Gedanken zu Natur und Schöpfung in Architektur, Oper und Literatur“ dargestellt, hat der vor hundert Jahren verstorbene spanische Architekt Antoni Gaudí der Menschheit mit der Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona ein von der Vielfalt der Schöpfung inspiriertes steinernes Denkmal vermacht. Es soll in uns Menschen das Staunen als religiöse Grunderfahrung wecken. Der in diesem Juli hundert Jahre alt gewordene österreichische Mystiker und Benediktinermönch Br. David Steindl-Rast, hat das Staunen, neben der Dankbarkeit und Achtsamkeit, zu einer der Grundlagen seiner lebensfrohen Spiritualität gemacht.
Im Staunen erkennen wir eine Wirklichkeit an, die nicht selbstverständlich ist, eine Wirklichkeit, die überraschen kann und auch unberechenbar ist, die letztendlich als unverfügbar anerkannt werden muss, aber auch als geschenkt. Seine Fähigkeit zum Staunen und seine Freude am Leben sieht Br. David in den Lebensumständen der Frühphase seiner Generation grundgelegt. Die Krisen- und Kriegsjahre in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit den vielen Bruchlinien der Gesellschaften in Europa konfrontierten die Menschen mit der Endlichkeit ihres persönlichen Lebens, die sie damals nicht verdrängen konnten. Einige konnten produktiv mit der unausweichlichen Erfahrung der Endlichkeit umgehen.
In der Sprache des Sozialpsychologen Erich Fromm in seinem vor 50 Jahren erschienenen Klassiker „Haben oder Sein“ haben die Menschen in der damaligen Kriegs- und Krisenzeit stärker im Sein-Modus gelebt, der, so Fromm, charakterisiert ist durch mehr Lebendigkeit, Aktivität und Teilhabe. Im Sein-Modus leben die Menschen in einer Welt, die als Netz von Beziehungen verstanden wird, und in der sie als schöpferisch liebende und denkende Subjekte produktiv sind. Dieser Sein-Modus hat eine lange geschichtliche Tradition, die von den mystischen Traditionen vieler Religionen kultiviert wird.
Dem gegenüber ist die moderne westliche Gesellschaft, besonders die Nachkriegsgeneration, stark vom Haben-Modus geprägt. Darin sieht Erich Fromm ihre Krise, weil sich die Menschen in diesem Modus über Aneignung, Besitz und Kontrolle definieren. Die Erscheinungen der Welt, von Beziehungen über Erfahrungen hin zu allen möglichen Dingen, sind Objekte, die man hat. Wenn das Haben zur vorherrschenden Lebensform wird, werden auch Menschen zu Objekten, die sich immer weniger als produktive Subjekte erleben.
Beispielhaft für die planetarisch negativen Auswirkungen der weltweit um sich greifenden Mentalität des Habens sei ein thematisch gut zur Urlaubszeit passendes und höchst aktuelles Problem erwähnt: das Verschwinden der Sandstrände. Am Sand als Rohstoff wird Raubbau betrieben. Die natürliche Sandproduktion, die in den Gebirgen beginnt, über die Flüsse weitergeführt und schließlich in den Meeren vollendet wird, kann mit dem industriellen Raubbau nicht mithalten. Immer mehr Sand verschwindet in den Halbleitern und dem verbauten Beton der Rechenzentren. Das Absaugen des Sandes vom Meeresboden zerstört empfindliche Meeresökosysteme, die weitläufigen Betonklötze der Rechenzentren wertvolle Naturräume und das vom Kühlen der Rechner erwärmte Wasser die Ökosysteme der betroffenen Flüsse. Das eintönige Surren der Rechner wird lauter, die bestaunenswerte Artenvielfalt in der Natur verschwindet.
Mit „Haben oder Sein“ plädiert Erich Fromm für einen Sinneswandel, für eine Veränderung unserer Haltung hin zu mehr Achtsamkeit, echten menschlichen Begegnungen und mehr Mut zu innerer Freiheit, die neue Lebensräume für ein erfülltes Leben erschliessen kann. Und ähnlich wie Br. David, der aus eigener Erfahrung sagen kann: „Die Dankbarkeit macht uns froh.“, so wusste auch Erich Fromm um die Kraft des Staunens für ein erfülltes Leben.
Zu einem erfüllten Leben gehört, so Br. David, auch die Akzeptanz der Gewissheit des Todes, die es uns ermöglicht im Jetzt bewusster und dankbarer zu leben. Diese Erfahrung teilte auch die ebenfalls vor hundert Jahren geborene Elisabeth Kübler-Ross, die die meiste Zeit ihrer Arbeit und ihres Lebens den Sterbenden gewidmet hat. Die Schweizer Psychiaterin war eine Pionierin der Sterbeforschung, bekannt geworden vor allem durch ihre Interviews mit Sterbenden und ihr Modell der fünf Phasen des Sterbens. Vorrangig bedenkenswert aber ist eine Eigenschaft, die die 2004 verstorbene Medizinerin und Sterbeforscherin ebenso mit Br. David teilte: die Fähigkeit zum aktiven Zuhören.
Durch ihr aktives Zuhören hat Elisabeth Kübler-Ross die Patienten als Menschen mit all ihren Ängsten und Nöten, Sorgen und Bedürfnissen ins Zentrum der Medizin gerückt. Sie hat damit das praktiziert, wofür Erich Fromm in Haben oder Sein plädiert: einen Sinnes- und Haltungswandel. Sie hat die Patienten, vor allem die Sterbenden, von Objekten der technischen Medizin zu Subjekten ihres eigenen Lebens und Sterbens verwandelt. Ihr unermüdlicher und leidenschaftlicher Einsatz für die Menschen, vor allem für die Sterbenden, wirkt bis heute in den Errungenschaften der Palliativmedizin, der Patientenverfügung, Sterbe- und Trauerbegleitung und der Hospizbewegung weiter.
In solchen persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen spiegelt sich dankbar angenommene und verantwortlich gelebte Geschöpflichkeit wider, genährt von der Kraft des Ewigen im Jetzt der Endlichkeit. Dafür dürfen wir alle dankbar sein!
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The English version – On Amazement, Dying & Beaches – will be available shortly.
